Selbst, wenn ich dich betrachte

Zehn Minuten, sagt sie. Zehn Minuten hast du Zeit, mir die Welt zu erklären. Hier hast du ein Blatt Papier, hier hast du einen Stift, hier habe ich eine Eieruhr. Die Eieruhr ist cremefarbenalt, matt und schmierig. Die Form gleicht der eines Eis, ein Riss zieht sich vertikal über die imitierte Schale.

Das Ticken ist ein Indiz. Der Bleistift kratzt auf. Wenn die Zeit sich uns nimmt, was passiert dann mit dem Rest? Reste bleiben immer. Stehen wir in kleiner Runde beisammen, wissend um uns als Rest und zählen einander ab? Du bist da, er ist da, sie ist da, es ist da… Ein großes Dasein ist das. Ein rotweingetränktes, vielfach lachendes Dasein. Schmale Lippen verraten Geheimes. Ich hätte alles wieder gemacht. Genau so. Dann wird geguckt. Es wird immer geguckt. Es wird gedacht, niemand weiß, was du denkst. Alle wissen, wie ich denke. Sie spricht von Sehnsuchtsorten, ich rase mit dem Stift über das Papier. Im Bus lese ich Kempowski, erzählt sie. Von seiner Zeit in Bautzen, sagt sie. Während der Bus sich Haltestelle für Haltestelle dem Sauerstoff entzieht. Murrende Azubis und jammernde Alte durch das Leben transportiert. Das ist manchmal eklig, sagt sie. Und dann ist es wieder lustig, sagt sie. Aber, fragt sie, wie kann man das aushalten? Weiter fragt sie nicht. Sie bekommt immer einen Sitzplatz. In zehn Minuten musst du 500 Wörter schreiben. In zehn Minuten musst du die Welt erfassen. In zehn Minuten. Einer sagt, es sei noch nicht spruchreif, aber vielleicht habe er bald ein Haus. Und dass seine Frau dann endlich Kinder bekommen könne. Mit dem Auto könne sie sowieso nicht mehr fahren, die Kupplung sei rausgesprungen. Sie hatte den Rückwärtsgang eingelegt, plötzlich sei das nicht mehr gegangen, mit dem Fahren. Rückwärtsfahren könnte sie schon noch. Aber wer mache das schon. Wer dürfe das schon. Jetzt müssten Kinder her. Aber erst einmal das Haus, das nicht spruchreife Haus. Die Musik liegt auf repeat.

Selbst, wenn ich dich betrachte, finde ich keine Tür.

Durch die Nase müsste es gehen, ins Innere, bis zu dir. Aber da geht nichts hinein. Es endet. Die Kronen stehen heute hoch, sagt die mit der Eieruhr. Das Licht legt sich geballt ins Weiße. Wir sitzen im feuchten Gras auf einem Campingplatz irgendwo in Dänemark. Es ist November, Brötchen gibt es nur während der Saison. Jeder trägt eine andere Schlafanzughose.

Die zehn Minuten sind vorbei. Die Welt ist nichts, sagt das Papier. Der Bleistift ist gebrochen – Stille, und dann. Zehn Minuten.

Erstveröffentlicht auf Stadtnotizen.