Nacht, die nicht zu Ende geht

Der Schlaf ist gegangen, vor Tagen schon. Er ist gegangen,
und mit ihm die Kalauer, Revierwitze, Oberflächenkontakte
und das konzeptionell bedingte Gefühl der Stärke.
Zwischen den Lidern krabbeln enttäuschte Erwartungen.
Ihre Lederhäute tragen Dornen, fortwährend gebären sie
abgenutzte Metaphern, gewagte Traumräume.
Ein verschämter Blick durch die Tür:
Die Statik stimmt nicht, es würde schmerzen, zu sehr.

Bleiben, wo man ist?
Kastanienschutz.
Die Stadt wird gelbrotbraun – grau, saisonbedingt.
Und weil es dazu gehört, ist es schon da,
dieses Gefühl des Bereuens: falsche Entscheidung,
falsche Form.

Schon kommt die Krähe, Vorbote eines inneren Krieges.

Mächtig fliegt sie durch die Straßen, im Schnabel: altes Glück.
Sie lässt es fallen, hebt es auf, steigt höher.
Die Kastanie knallt hart, auf Autodächer und Gestein,
so oft, bis die Fruchthülle bricht
und die Krähe spitz in das Weiche hackt.

Und hackt.
Und.

Nacht, die nicht zu Ende geht. Stadt, die keine andre wird.
Verletzte Augen und plötzlicher Trotz.
Statik hin oder her, rein da! Jetzt.

Und dann: Sonne.
Sonne, die durch einfach verglaste Fenster dringt.
Warm und offen. Körper, die beieinander liegen,
und von draußen herbei gewehte Akkordeonmusik,
Kaffeegerüche, Halbsätze, zart.

Ein Versprechen, aber auch:
eine nicht ganz durchdachte Metapher,
verkitscht, romantisiert. Und überhaupt:
Fenster als Sehnsuchtsmotiv, jedes Mal, so ermüdend.
Man müsste erblinden, um diese Schwelle noch übertreten zu können.

Erstveröffentlicht auf stadt-land-text.de