Wochenendeinkauf

Auf dem Innenhof der früheren Bezirksverwaltung der Staatssicherheit gibt es Parkplätze und einen Supermarkt. Darauf weisen zwei Schilder hinter den Gebäuden des Land- und Arbeitsgerichtes hin: »ehem. Stasi-U-Haft« und »Penny«.

An der Glasschiebetür zum Supermarkt steht auf handgeschriebenen Zetteln »Vorsicht, rutschige Metallleiste«, ein paar Meter neben dem Eingang, noch hinter den Fahrradständern, befinden sich vier auf Metallpfosten angebrachte Karabinerhaken. Unterhalb der Haken gibt je ein Schild mit einem »P« und einer zusätzlichen Abbildung darauf zu verstehen, dass Hunde nicht vor den Eingangsbereich gehören. Sie stehen in gleichmäßigen Abständen voneinander entfernt und sind hundegrößenhoch.

Wäre hier ein Hund angeleint, er würde die dicken Gitterstäbe am Gebäude gegenüber sehen, die sich weiß absetzen von der grün-braun-gräulichen Fassade und porös sind. Auch würde er die Gardinen wahrnehmen, die hinter den trüben Fensterscheiben so wirken, als würden sie Patrouille stehen. Den rostigen Fahrradständer neben dem Eingang und das Schild oberhalb der Tür: »Gedenkstätte geschlossen«. Dem Hund wäre nicht klar, was das bedeutete, vielleicht müsste er sich auch erst einmal beruhigen, der Parkplatz ist belebt mit Menschen und Autos und käme noch ein weiterer Hund hinzu, Aufregung wäre nicht zu vermeiden. In jedem Fall müsste gewartet werden, auf das Herrchen, das Futter, den Auslauf, und vielleicht würde der Hund sich mit dem Gedanken beschäftigen, wo er sich als Nächstes erleichtern könnte. An der ehemaligen Zufahrtsschranke am Ende der Straße Grüner Weg vielleicht, dort an dem verbarrikadierten Häuschen, an dessen Wand sich eine kleine Plakette mit dem Wort »Denkmal« versteckt und die mit angefressenen Flutlichtern und moosiger Mauer an etwas erinnert, das so fern ist und gleichzeitig so nah, dass es ein Gefühl der Verlorenheit auslöst, und auch eines der Irritation.

Die Zeit würde vergehen, wie alles vergeht, im Leben und auch in der Vorstellung, und irgendwann würde das Herrchen kommen, unter dem Arm den Einkauf für das Wochenende und vielleicht auch eines der Bücher, die in dem roten Aufsteller vor den Teepackungen mit der Geschmacksrichtung »Orientalischer Moment« und den aufbackbaren Ciabatte für 4,99 Euro angeboten werden und Titel tragen wie »DDR. Eine Chronik deutscher Geschichte«, »Trabant. Das Kultauto ›Trabi‹« und »Militärfahrzeuge des Ostens«. Dem Hund wäre das gleich, er möchte nur weiter, fort und vielleicht auch ein bisschen ins Grüne. Die Wallanlagen sind nicht fern und in der Innenstadt haben bereits die ersten Imbissbuden geöffnet. Es ist Ostermarkt und auf der August-Bebel-Straße stehen die Reisebusse dicht an dicht.

17:25 Uhr
Rostock, Hermannstraße

 

Wegen Sanierungsarbeiten ist die Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haft der Stasi voraussichtlich bis Ende 2018 geschlossen. Eine Ausstellung über die Untersuchungshaftanstalt gibt es bis dahin in der Societät Rostock maritim zu sehen.