Einmal

Einmal war ich Bloggerin. Nur noch wenige wissen davon. Damals hörte ich auf, weil ich glaubte, Lebensabschnitte würden von außen diktiert. Ein Umstand, den ich hinnahm, man erzählte es mir ja so, und wer war ich, sich dagegen aufzulehnen? Ich dachte auch, ich hätte nur eine Chance, jetzt!, es wäre ein karrieristischer Fehler, weiterhin die zu sein, die ich war, all die Jahre, online, in der Zeit zwischen Pubertät, erster Liebe und Schulabschluss. Es ist schwer, nicht jede Meinung anzunehmen und nicht jedes Leben.

In meinen Träumen bin ich schon alles gewesen – zuletzt war mir, als blickte ich aus den Augen eines Tieres, ein Hase vielleicht. Mit dem Ende meines Bloggerinnendaseins, das intim war und eng verwoben mit Menschen, die ich nicht kannte und doch viel zu gut, hörte ich mit allem auf, was mich zuvor ausgemacht hatte. Ich tanzte nicht mehr, meine Gitarre verschenkte ich. Ich kündigte Vereinsmitgliedschaften und Freundschaften. Meine Heimat verließ ich. Ich bemühte mich, jemand zu werden, der meiner Vorstellung nach passte in die neue Welt, die ich mir ausgesucht hatte, aus Gründen, die wohl etwas mit dem eigenen Willen zu tun haben müssen oder mit Sturheit. Es wäre nach wie vor weniger schmerzhaft, nichts zu wollen.

Über diese Zeit habe ich nie gebloggt. Manchmal hätte ich es gerne, Versuche waren da, nur in Teilen habe ich sie mir zugestanden. Ich war sprachlos geworden unter Menschen, von denen ich glaubte, dass sie wussten, worüber sie schrieben und wie. Davon bin ich abgekommen.

Umso schöner ist es, dass es Menschen gibt, die mich begleiten, über Jahre hinweg. Die bleiben, manchmal am Rand, aber doch immer da, und die mir helfen, mich zu erinnern. David ist so jemand. Ich weiß nicht mehr, wann wir unsere Blogs fanden, aber es müssen bald 15 Jahre her sein. David wird es wissen. Wir bloggten in der gleichen Gruppe, wir tauschten unsere Leben aus, wie Sammelkarten; manchmal wollte ich nur mich loswerden.

Dass David nun das Blog Stadtnotizen, das Rebecca und ich bis vor einem Jahr betrieben haben (und vielleicht auch wieder beschreiben werden) und meine Tagesnotizen für den Mystery Blogger Award ausgewählt hat, freut mich sehr. Als Bloggerin sehe ich mich nicht, schon lange nicht mehr, ich möchte mir auch nicht herausnehmen, jemanden zu nominieren und ihn dadurch in seine Jugend zurückzukatapultieren, weil er sich vielleicht an den Geruch erinnern wird, den der Hermann-Teig ausströmte, den man sich vereinzelt auch noch in den Nuller Jahren schickte, mit der Post, was ich furchtbar fand, durch wie viele Hände so ein Sauerteig ging – bitte: wofür? Aber für David, bei dem ich es mag, wenn er auf seinem Blog Silbenton über Naturerlebnisse und Vogelbeobachtungen schreibt, beantworte ich die Fragen, die er mir gestellt hat, gerne. Blogs folge ich eigentlich nur noch über Instagram, vor allem herzkater und rubilotta.

Warum hast du mit dem Schreiben angefangen, wie bist du zum Bloggen gekommen?

Das Schreiben ist die einzige künstlerische Form, in der ich über weite Strecken nicht das Gefühl habe, mich unzulänglich auszudrücken. Gebloggt habe ich, weil ich mich mitteilen wollte.

Was ist deine liebste Beschäftigung nach dem Bloggen?

Fast hätte ich »Lesen« geschrieben, weil es zum Schreiben dazu gehört, aber das stimmt nicht, Lesen ist nicht meine zweitliebste Beschäftigung, Lesen ist manchmal auch einfach nur anstrengend. Ich bin gerne unterwegs, meine liebste Beschäftigung nach dem Schreiben ist demnach wohl das Gehen, ich rede mir ein: im bernhard’schen Sinne.

Welches Lyrikbuch hast du zuletzt gelesen?

Nancy Hünger: »Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett«, Edition Azur.

Verfasse spontan einen kurzen Reim oder nenne deinen Lieblingsreim!

»Ich habe keine Meinung, wenn sich jemand schlecht benimmt,
und wenn er Gutes tut, dann ist das gut bestimmt.
Ich wünsch mir einzig und allein, dass ich dabei sein darf,
ich muss es sehen, denn ich bin der Beobachter.«

Rocko Schamoni: Der Mond.

Stell dir vor, du hättest vier Wochen Zeit und du könntest alles tun, was du möchtest. Es gäbe keine Verpflichtungen und Geld stünde unbegrenzt zur Verfügung. Was würdest du anstellen?

Das gleiche wie bisher: Gehen, sehen, schreiben, lesen, treffen, trinken. Vielleicht auch mal in einem anderen Land.

 

2 Kommentare

  1. Vielen Dank, dass du mitgemacht und meine Fragen beantwortet hast. Ich dachte, du wärest immer noch Bloggerin, aber du hast recht, du bist inzwischen Schriftstellerin und wahrscheinlich muss ich nicht mehr lange warten, bis du ein Buch veröffentlich hast. 🙂

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