Autor: Melanie Huber

TRIGORIN
Ich habe nichts begriffen. Aber ich habe mit Interesse zugesehen. Ich habe Ihnen jedes Wort geglaubt. Und das Bühnenbild war schön.

Anton Tschechow: Die Möwe. Rowohlt E-Book 2014.
Link zum Zitat: http://bit.ly/2DK1Pus

Fliegende Fische

»Alles im Leben hat seine Zeit« ist in schwarzem Graffito auf der Fahrerseite des Autos zu lesen, das auf einer eingezäunten Brachfläche neben der S-Bahn-Haltestelle Marienehe steht. Vermutlich ist es ein Ford Capri, zweite Generation. Das Metallic Grau schon abgestumpft; von der langen Schnauze über das flache Dach bis hin zum kurzen Heck ziehen sich zwei blaue Streifen. Da wollte einmal jemand Rennfahrer sein, auf der Überholspur des Lebens, auch dafür braucht es Zeit.

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Wochenendeinkauf

Auf dem Innenhof der früheren Bezirksverwaltung der Staatssicherheit gibt es Parkplätze und einen Supermarkt. Darauf weisen zwei Schilder hinter den Gebäuden des Land- und Arbeitsgerichtes hin: »ehem. Stasi-U-Haft« und »Penny«.

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Frühlingsgefühle

»Das zerstörte Nest« von Rabindranath Tagore gibt es heute für vier Euro. Es liegt auf dem »Reduziert«-Stapel draußen vor dem Antiquariat. Zum ersten Mal seit Monaten wärmt die Sonne Kopf und Körper, Mützen werden weggepackt, und auch die Handschuhe. Noch ist Winter, aber heute lädt das Wetter zum Bummeln ein.

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12:54 Uhr, Essen Museum Folkwang

Stille, ein Gefühl des Aufgeregtseins, des Entrücktseins, des Dort-, nicht des Hierseins. Lesesaal, Ruhesaal. Möbel im Bauhausstil, klare Farben, zurückgenommen; niemand da. Das Surren einer Anlage, scheinbarer Wind, Zäsur; das Knarzen des Stuhles beim Hinsetzen, Zurücklehnen.

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Nacht, die nicht zu Ende geht

Der Schlaf ist gegangen, vor Tagen schon. Er ist gegangen,
und mit ihm die Kalauer, Revierwitze, Oberflächenkontakte
und das konzeptionell bedingte Gefühl der Stärke.
Zwischen den Lidern krabbeln enttäuschte Erwartungen.
Ihre Lederhäute tragen Dornen, fortwährend gebären sie
abgenutzte Metaphern, gewagte Traumräume.
Ein verschämter Blick durch die Tür:
Die Statik stimmt nicht, es würde schmerzen, zu sehr.

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Sprichwort

Weil ich mir unter einem Sprichwort nichts vorstellen konnte, bat ich Oma, mir eins zu sagen. Sie überlegte eine Weile, während sie nasse Geschirrtücher an der Stange des Kohleherds aufhängte. Dann sagte sie: Ach, es gibt so viele. Zum Beispiel: Steht der Tropfen, heult der Stein.

Ralph Schock: Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse. Eine Kindheit in den 50ern. Berlin: Verbrecher Verlag, 2017. S. 19.