Autor: Melanie Huber

ich träumte, ich suchte einen ort, an dem ich ganz und gar für mich sein konnte. in meinem traum war der ort eine im bau befindliche garage auf einem abgesperrten gelände mit wild abgestellten silberfarbenen mercedes, denen die kfz-kennzeichen fehlten. wohlgefühlt habe ich mich nicht, aber ich war allein, und kein krieg tobte.

Meine Hände in seinen Hosentaschen, er presst mich an seinen Bauch, mein plapperndes Blut erwacht zu unserer schlaflosen Nacht, wir lassen den Tag draußen vor der Tür. Seit unserer Ankunft habe ich den Körper einer anderen. An diesem Abend habe ich Kaffee gemacht. Der Zucker klebt mir in den Augen und ich habe keine Ahnung, wie du es anstellst, es hinter meinem Rücken zu erkennen.

Nicolas Clément: Nichts als Blüten und Wörter. Aus dem Französischen von Bernadette Ott. Mit einem Nachwort von Roman Lach. Erste Auflage. Berlin: Ripperger & Kremers Verlag, 2016. S. 53.

in der nachbetrachtung

komm lass mich dich neu erfinden wochen
schon hast du gelebt mit dir die haut ist alt
das herzstück scheu und auch du bist wie
du deinen scham pflegst anrüchig jetzt in
der nachbetrachtung mit jeder erinnerung
dunkeln die augen nach die kränze kugeln
zwischen den fingerkuppen es gibt keinen
schmerz den du nicht gefühlt hast komm
lass mich dich neu erfinden du bist schon
alt

Beim Akupunkteur

Die Tür des Behandlungszimmer 2 geht auf, eine Frauenstimme sagt: Sie können Ihre Hose hier ablegen. Die Tür wird geschlossen. Jemand schnauft. Eine Gürtelschnalle ist zu hören, dann ein Beugen, ein Ächzen. Die Atmung ist laut und männlich. Der Gürtel berührt einen der metallenen Pfosten des Ablagestuhls. Der Mann setzt sich auf die Behandlungsliege mit dem Loch am Kopfende, das Ärztekrepp verrutscht, es knistert über dem PVC-Leder.

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Die Kopfschmerzen dauerten bis zum Abend des folgenden Tages an. Danach fühlte er sich ungewöhnlich klar. Er sah seine Zukunft in einem scharfen Licht, ohne jede Illusion. Es gab keinen Ausweg. Man wird älter. Man muss leben. Wenn man unabhängig bleiben will, muss man eine Arbeit haben. Es schien eine schlüssige Begründung, und doch suchte er weiter nach einer Öffnung, um zu entwischen, wie eine Ratte, die an den Wänden ihres Käfigs entlangrennt, anstatt sich damit abzufinden, dass der Raum fortan kleiner sein würde.

J. J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. München: Verlag C. H. Beck, 2012. S. 88.

Du bist nicht das, was du willst. Du bist das, was dich ebenfalls will.

Gary Shteyngart: Kleiner Versager. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2015. S. 350.

16:32 Uhr, Bahnhof Hannover-Nordstadt

Am Nordstadtbahnhof springt die Fußgängerampel auf grün. Eine Brücke beschreibt hier ihre höchste Stelle, sie trennt die Nordstadt von Hainholz, die Stadt von der Vorstadt. Zwei Fußgänger überqueren die Straße.

Sie kehren der Stadt den Rücken. Beide tragen verwaschene Jeans und alte Bomberjacken, der Mann hat eine schwarze Mütze auf. Die Frau ist blondiert, auffälliger Ansatz. Beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Sie schreien. Der Wind trägt Urlaute durch die Vorstadt. Sie gehen schnell, er gebückt federnd, sie aufrecht stapfend. Eine Frau mit Kinderwagen und Kind drängt sich an das abschüssige Gestrüpp am Gehwegrand, in dem Passanten sich gerne erleichtern. Das schreiende Paar passiert, ohne davon Notiz zu nehmen. Sie biegen in die Petersstr. ein. Er ruft: „….weil ich dich jeden Tag mehr und mehr liebe.“

Erstveröffentlicht auf Stadtnotizen.