Fliegende Fische

»Alles im Leben hat seine Zeit« ist in schwarzem Graffito auf der Fahrerseite des Autos zu lesen, das auf einer eingezäunten Brachfläche neben der S-Bahn-Haltestelle Marienehe steht. Vermutlich ist es ein Ford Capri, zweite Generation. Das Metallic Grau schon abgestumpft; von der langen Schnauze über das flache Dach bis hin zum kurzen Heck ziehen sich zwei blaue Streifen. Da wollte einmal jemand Rennfahrer sein, auf der Überholspur des Lebens, auch dafür braucht es Zeit.

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Frühlingsgefühle

»Das zerstörte Nest« von Rabindranath Tagore gibt es heute für vier Euro. Es liegt auf dem »Reduziert«-Stapel draußen vor dem Antiquariat. Zum ersten Mal seit Monaten wärmt die Sonne Kopf und Körper, Mützen werden weggepackt, und auch die Handschuhe. Noch ist Winter, aber heute lädt das Wetter zum Bummeln ein.

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16:32 Uhr, Bahnhof Hannover-Nordstadt

Am Nordstadtbahnhof springt die Fußgängerampel auf grün. Eine Brücke beschreibt hier ihre höchste Stelle, sie trennt die Nordstadt von Hainholz, die Stadt von der Vorstadt. Zwei Fußgänger überqueren die Straße.

Sie kehren der Stadt den Rücken. Beide tragen verwaschene Jeans und alte Bomberjacken, der Mann hat eine schwarze Mütze auf. Die Frau ist blondiert, auffälliger Ansatz. Beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Sie schreien. Der Wind trägt Urlaute durch die Vorstadt. Sie gehen schnell, er gebückt federnd, sie aufrecht stapfend. Eine Frau mit Kinderwagen und Kind drängt sich an das abschüssige Gestrüpp am Gehwegrand, in dem Passanten sich gerne erleichtern. Das schreiende Paar passiert, ohne davon Notiz zu nehmen. Sie biegen in die Petersstr. ein. Er ruft: „….weil ich dich jeden Tag mehr und mehr liebe.“

Erstveröffentlicht auf Stadtnotizen.

12:22 Uhr, ein Café in Kiel

– Es geht nicht mehr. Ich muss abnehmen. Ich habe jetzt einen Trick.
– Welchen?
– Wenn ich Schokolade esse, also Duplo vielleicht, beiße ich ein Stück ab und dann lege ich den Rest weg. Ganz weit weg. Ich wohne im zweiten Stock, ich laufe dann oft runter und lege das Duplo in den Briefkasten, und hole es erst am nächsten Tag wieder raus.
– Ach…

5:19 Uhr, Hannover Aegidientorplatz

Auf der ersten Ebene der unterirdischen Haltestelle am Aegidientorplatz stehen vereinzelt Menschen. Sie schweigen. Vorne am Bahnsteig in Richtung Stadtmitte steht ein älterer Mann in einer jägergrünen Jacke. Er starrt einen weißen Fleck auf dem Ziegelstein-Boden an. Dann schabt er mit seiner rechten Turnschuhspitze mehrfach über den Fleck. Der Fleck bleibt. Der Mann zieht seinen Fuß zurück.

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