Kategorie: Lieblingssätze

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Ich wollte weiterhin Feierabendreporter, mißbrauchter Lehrling und gut bezahlter Vorarbeiter sein. Eines Tages würde ich genauer wissen, was ich zu tun hatte und was nicht. Bis dahin mußte ich die Kühnheit haben, meine Zeit zu vergeuden und mich selber in der vergehenden Zeit zu belauschen.

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. München: dtv, April 2005 (6. Aufl. Februar 2010). S. 147.

Der Rhythmus einer großen Stadt

Kannst du’s hören?
Spürst du es?
Das leise Zittern in der Luft
In der Stille dieses Raums
Ein Puls der durch die Wände geht
Ein Sturm der um die Häuser weht
Es pocht, es flackert, stockt und rast
Der Rhythmus einer grossen Stadt
– Rhythmus Berlin

Kante: Der Rhythmus einer großen Stadt (Prolog) in: Kante Plays Rhythmus Berlin, Edition Kantine 2007.

Karte und Gebiet

Es gibt einen geeigneten Moment, um Dinge zu tun und sich dem möglichen Glück zu stellen, dabei kann es sich um einen Zeitraum von ein paar Tagen, ein paar Wochen oder sogar ein paar Monaten handeln, aber diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal, und wenn man sie später erneut zu ergreifen versucht, ist das schlichtweg unmöglich, es ist kein Raum mehr da für Begeisterung, für Überzeugung, für Glauben, es bleibt nur sanfte Resignation, gegenseitige Betroffenheit und das nutzlose, wenn auch berechtigte Gefühl zurück, dass irgendetwas hätte geschehen können, man sich aber des Geschenks, das einem gemacht worden ist, unwürdig gezeigt hat.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. (Original: La carte et la territoire) Köln: DuMont Buchverlag, 2012. S. 241.

Man schrieb Sätze von Schriftstellern über das Leben in ein Heft und entdeckte, wie berauschend es war, sich in Wörtern wieder zuerkennen, ›existieren ist trinken ohne Durst.‹ Man war überwältigt von einem Gefühl des Absurden und des Ekels. Unsere klebrigen Körper trafen auf das ›Geworfensein‹ des Existenzialismus.

Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Berlin: Suhrkamp Verlag, 4. Aufl. 2018. S. 63.

TRIGORIN
Ich habe nichts begriffen. Aber ich habe mit Interesse zugesehen. Ich habe Ihnen jedes Wort geglaubt. Und das Bühnenbild war schön.

Anton Tschechow: Die Möwe. Rowohlt E-Book 2014.
Link zum Zitat: http://bit.ly/2DK1Pus

Sprichwort

Weil ich mir unter einem Sprichwort nichts vorstellen konnte, bat ich Oma, mir eins zu sagen. Sie überlegte eine Weile, während sie nasse Geschirrtücher an der Stange des Kohleherds aufhängte. Dann sagte sie: Ach, es gibt so viele. Zum Beispiel: Steht der Tropfen, heult der Stein.

Ralph Schock: Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse. Eine Kindheit in den 50ern. Berlin: Verbrecher Verlag, 2017. S. 19.

Meine Hände in seinen Hosentaschen, er presst mich an seinen Bauch, mein plapperndes Blut erwacht zu unserer schlaflosen Nacht, wir lassen den Tag draußen vor der Tür. Seit unserer Ankunft habe ich den Körper einer anderen. An diesem Abend habe ich Kaffee gemacht. Der Zucker klebt mir in den Augen und ich habe keine Ahnung, wie du es anstellst, es hinter meinem Rücken zu erkennen.

Nicolas Clément: Nichts als Blüten und Wörter. Aus dem Französischen von Bernadette Ott. Mit einem Nachwort von Roman Lach. Erste Auflage. Berlin: Ripperger & Kremers Verlag, 2016. S. 53.

Die Kopfschmerzen dauerten bis zum Abend des folgenden Tages an. Danach fühlte er sich ungewöhnlich klar. Er sah seine Zukunft in einem scharfen Licht, ohne jede Illusion. Es gab keinen Ausweg. Man wird älter. Man muss leben. Wenn man unabhängig bleiben will, muss man eine Arbeit haben. Es schien eine schlüssige Begründung, und doch suchte er weiter nach einer Öffnung, um zu entwischen, wie eine Ratte, die an den Wänden ihres Käfigs entlangrennt, anstatt sich damit abzufinden, dass der Raum fortan kleiner sein würde.

J. J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. München: Verlag C. H. Beck, 2012. S. 88.

Du bist nicht das, was du willst. Du bist das, was dich ebenfalls will.

Gary Shteyngart: Kleiner Versager. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2015. S. 350.

Manche Orte bewohnst du nicht, sie bewohnen dich. Haben sich mit Fundament in dich hinein gesetzt. Sie werden bleiben. Du bist eine wirre Architektur in weiter Landschaft, hier und da eine Aussicht.
 
Lucy Fricke: Takeshis Haut. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2015. S. 115.