Kategorie: Stadtjournal

umbruch, notiz #240120

darf man vielleicht keinem sagen, vor allem nicht in berlin, aber ich liebe aufbruch, umbruch, übergang und provisorium. wenn der mensch plötzlich nicht mehr zu den orten passt und der ort nicht mehr zu den menschen. wenn bilder und geschichten (allein ja nur) dadurch entstehen, dass man sich selbst neu verorten muss, untereinander und jeden tag. bei menschen, die mit dem verweilen in einem früher die möglichkeit der erschließung neuer gedankenfelder, diskussionsorte erschweren, sehe ich oft angst und den wunsch nach beständigkeit. nach einem «das muss jetzt aber mal» und «ich will auch mal ruhe». ich hab auch angst. ich hab gerne meine ruhe. ich hätte manches auch gerne anders in meinem leben. und mein päckchen, das ich mit mir rumtrage, hat seine ganz eigene schwere. aber das ist okay. weil heute nicht wie gestern und morgen nicht wie heute sein wird. weil ich bereit bin, altes einzureißen und neues aufzubauen. weil ich – endlich – gelernt habe, dass reden hilft und baustellen mich neugierig machen, mich auf ihre eigenästhetische art und weise freudig stimmen. und weil ich in einer gesellschaft leben möchte, die den umbruch zelebriert, rückschläge feiert und am lernprozess freude empfindet. die auf forschungsergebnisse gespannt ist, die in zehn jahren wieder revidiert werden, was dann wiederum gefeiert wird, denn wir verändern uns ständig und in allen bereichen und das für sich annehmen zu lernen, ist das, was diversität ausmacht.

moabiter feierabend

am morgen lecke ich dein müdes haupt,
ich bin dir tier in guter kleidung

was soll ich denn anfangen mit mir, sagst du. denn, sagst du, wenn ich nicht arbeite, dann sitz ich nur rum. dann sitz ich zuhaus und komm ins denken. ins denken komm ich und ins sehnen. du, sagst du, man sehnt sich nicht gut, im denken und dann auch noch bei sich, zuhaus. ich glaub ja schon an die milde der zeit und ja! an unseren kuss in der bremer straße, an den auch. aber dann ist wieder schichtbeginn, ich leck dir miefig dein müdes haupt und, sagst du, dann bin ich dir eben auch nur das: ein tier, in guter kleidung.

schiff kommt

als ich sie sehe, denke ich an die muppets. an rizzo, die ratte. die mit dem naiv-humorigen pechvogel-charme und der nervigen stimme. ich denke an ihre rolle als sidekick von charles dickens, gespielt von gonzo, in „die muppets weihnachtsgeschichte“. ich frage mich, warum ich die fernsehpuppe rein formästhetisch nicht trennen kann von dem, was ich eigentlich sehe, wenn ich auf die gleichmäßige fläche der spree schaue, die sich nicht drängen lässt, nicht vom ausbleibenden regen („riechste? schon wieder gekippt, wa“) und nicht von den ausflugsschiffen, wie den touristenlethargischen mit der aufschrift „hop on hop off“, bei denen ich gerne den zusatz „bitte nicht wörtlich nehmen“ drunter sprayen würde. und auch nicht von den restaurantschiffen mit den kinderbunten lettern an den außenwänden, als wartete im schiffsinneren kein ausgetretener teppichboden, kiefernholz-stühle mit leicht vergilbten sitzpolstern (in der annäherung rötlich) und schnitzel wiener art auf einen sondern sicherheitszertifizierte indoor-spielplätze, namentlich bellevue, charlottenburg und spreekrone. mein kopf gibt mir rätsel auf und ich bin mir nicht sicher, ob die abwesenheit von ekel etwas mit meiner mediensozialisation oder mit empirischem interesse zu tun hat. stumm blicke ich auf den aufgeblähten kleinen körper, folge den blauen adern, die dick verschnürt den bauch zusammenhalten. die vorderzähne ragen spitz-gelblich aus dem wasser. verkrampft spreizen sich die extremitäten ab vom rumpf. der schwanz ganz prall, selten gesehen so etwas. ich könnte sie aus dem wasser fischen und ein wenig puppentheater spielen. bisschen benn zitieren, was google so hergibt und der frau mit dem praktikablen kurzhaarschnitt zuwinken, deren hund regelmäßig an der gleichen stelle im trockenen gras schnüffeln muss, nämlich genau da, wo ich sitze. ratte nach hund werfen. oder nach den schiffen. kann mich nicht so ganz entscheiden. aber hat auch keine eile. ich packe die ratte ein und warte auf die nebelkrähe, die mit dem schnabel nach unten seit ein paar tagen immer wieder an mir vorbeitreibt. die spree brandet gegen meine uferkante, schiff kommt.

ich wollte

Critical Mass

Am Morgen fahren sie im Tross, eine Critical Mass aus Arbeitsamen, die sich selbst verrät, sobald jemand aus der Reihe tanzt. Die Überquerung der vierspurigen Bundesstraße vor der Siegessäule: survival of the fittest.

(mehr …)

Fördebaden

Nachdem der Rettungsschwimmer die Feuerqualle entdeckt hatte – »Hier, äh, Vorsicht, ne?« – ging es den ganzen Abend um nichts anderes.

(mehr …)

Kernel of the brute

Ich warte noch, ein paar Jahre vielleicht. Bis die Fliesen aufgesprungen sind, weil die Wand das Wasser nicht mehr zurückhalten konnte, und auch die Folie sich zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt hat.

(mehr …)

Einmal

Einmal war ich Bloggerin. Nur noch wenige wissen davon. Damals hörte ich auf, weil ich glaubte, Lebensabschnitte würden von außen diktiert. Ein Umstand, den ich hinnahm, man erzählte es mir ja so, und wer war ich, sich dagegen aufzulehnen? Ich dachte auch, ich hätte nur eine Chance, jetzt!, es wäre ein karrieristischer Fehler, weiterhin die zu sein, die ich war, all die Jahre, online, in der Zeit zwischen Pubertät, erster Liebe und Schulabschluss. Es ist schwer, nicht jede Meinung anzunehmen und nicht jedes Leben.

(mehr …)

Pflockflötchenmarkt

Der Junge geht mir bis zur Brust, er ist einer von der Sorte »Oh, du Hübscher, hier hast du nen Fünfer, geh dir kaufen, was immer dich glücklich macht«.

(mehr …)

Motte

In der Nacht liege ich wach. Eine Motte sucht das Licht. Sie hat sich die Tapete über dem Kopfteil des Bettes ausgesucht dafür. Mondstreifen dekorieren die Wand.

(mehr …)