Schlagwort: Alltag

Kleine Welt

 

 

Die Fahrt dauert nur ein paar Minuten, man muss sich schon entscheiden, wo man sitzt. An der holzvertäfelten Innenwand der Fahrgastkabine hängt eine 40×50 cm große Leinwand, bunte Striche sind zu erkennen und knuffig-grinsende Kreise.

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Critical Mass

Am Morgen fahren sie im Tross, eine Critical Mass aus Arbeitsamen, die sich selbst verrät, sobald jemand aus der Reihe tanzt. Die Überquerung der vierspurigen Bundesstraße vor der Siegessäule: survival of the fittest.

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Karte und Gebiet

Es gibt einen geeigneten Moment, um Dinge zu tun und sich dem möglichen Glück zu stellen, dabei kann es sich um einen Zeitraum von ein paar Tagen, ein paar Wochen oder sogar ein paar Monaten handeln, aber diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal, und wenn man sie später erneut zu ergreifen versucht, ist das schlichtweg unmöglich, es ist kein Raum mehr da für Begeisterung, für Überzeugung, für Glauben, es bleibt nur sanfte Resignation, gegenseitige Betroffenheit und das nutzlose, wenn auch berechtigte Gefühl zurück, dass irgendetwas hätte geschehen können, man sich aber des Geschenks, das einem gemacht worden ist, unwürdig gezeigt hat.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. (Original: La carte et la territoire) Köln: DuMont Buchverlag, 2012. S. 241.

Fördebaden

Nachdem der Rettungsschwimmer die Feuerqualle entdeckt hatte – »Hier, äh, Vorsicht, ne?« – ging es den ganzen Abend um nichts anderes.

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Kernel of the brute

Ich warte noch, ein paar Jahre vielleicht. Bis die Fliesen aufgesprungen sind, weil die Wand das Wasser nicht mehr zurückhalten konnte, und auch die Folie sich zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt hat.

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Man schrieb Sätze von Schriftstellern über das Leben in ein Heft und entdeckte, wie berauschend es war, sich in Wörtern wieder zuerkennen, ›existieren ist trinken ohne Durst.‹ Man war überwältigt von einem Gefühl des Absurden und des Ekels. Unsere klebrigen Körper trafen auf das ›Geworfensein‹ des Existenzialismus.

Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Berlin: Suhrkamp Verlag, 4. Aufl. 2018. S. 63.

Einmal

Einmal war ich Bloggerin. Nur noch wenige wissen davon. Damals hörte ich auf, weil ich glaubte, Lebensabschnitte würden von außen diktiert. Ein Umstand, den ich hinnahm, man erzählte es mir ja so, und wer war ich, sich dagegen aufzulehnen? Ich dachte auch, ich hätte nur eine Chance, jetzt!, es wäre ein karrieristischer Fehler, weiterhin die zu sein, die ich war, all die Jahre, online, in der Zeit zwischen Pubertät, erster Liebe und Schulabschluss. Es ist schwer, nicht jede Meinung anzunehmen und nicht jedes Leben.

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Pflockflötchenmarkt

Der Junge geht mir bis zur Brust, er ist einer von der Sorte »Oh, du Hübscher, hier hast du nen Fünfer, geh dir kaufen, was immer dich glücklich macht«.

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Motte

In der Nacht liege ich wach. Eine Motte sucht das Licht. Sie hat sich die Tapete über dem Kopfteil des Bettes ausgesucht dafür. Mondstreifen dekorieren die Wand.

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Sperrmüll

Ich war nicht draußen, heute. Das geht eigentlich nicht, das war so nicht abgemacht. Die Stadt fängt zu leben an, nach zwei Monaten, da bin ich mir ziemlich sicher, ich seh doch, wie der Sperrmüllberg gegenüber immer größer wird.

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