Schlagwort: Berlin

Heute ein Eis

Die Türen sind geöffnet, sperrangelweit. Kleine Glocken klingeln fein und Passanten lachen erregt ins innere Offen: Du auch wieder hier? Toi toi toi. Wir gucken nur. Heute Eis, morgen dann vielleicht mal nen Kaffee. Vorgestern saßen wir noch auf Jochen’s Bank und fragten uns, wann es sein wird, wann es uns wieder trifft, das Leben, das wir kannten, vor sechs Wochen zuletzt. Darf ich hier an den Rand? Das ist doch weit genug. Ich nicke, klar, sind ja gefühlt zwei Meter. Die Masken setzen wir ab und wischen damit kurz weg die fremdbestimmte Scham, die zwischen Oberlippe und Nase vertikal verrinnt, am Philtrum entlang, dem anatomischen Ort für Nutzlosigkeiten. Heute sitzen sie da zu viert, neben dem äußersten auf dem Boden eine papierne Box. Er holt ein Taschenbuch hervor, blättert durch: vergilbt. Einen Rührbesen, einen Schuh. Er reicht die Gegenstände weiter nach rechts. Am Ende hat jeder was und der letzte die Box. Det sach ich allet meiner Mama!, ruft ein kahlköpfiger Mann, während er in Socken auf seinem Fahrrad die Bank umkreist. Mama! Mutti! Im Café an der Ecke gibt es wieder polnische Kuchen und eine Plexiglasscheibe. Ich kann das Aufatmen nicht fassen, die Hände sind frierend kalt und in den Beinen krabbelt, schwer geworden, die Unruhe. Ich sehe den Stromkasten auf dem Gelände der St. Pauluskirche, auch hier ist das Tor offen. Vor der Rosenkranzkapelle die Bitte um Abstand, im Seitenschiff: allein mit mönchischem Gesang aus schmalen Lautsprechern und eisernem Gitter zum Langhaus hin. Beichtglocke bitte läuten, Beichtvater kommt steht auf einem Schalter neben dem Kapellenaltar. Ich kniee nieder, das braune Polster ist weich, habe schon so lange nicht mehr gekniet und weiß ja doch, was zu tun. In der Brust quillt so was wie anerzogene Erschlagenheit; alle Kirchen riechen gleich. Det sach ich allet, rufts in meinem Kopf. Det sach ich allet. Ich warte, bis es stumm geworden ist in mir, dann ist auch die Bank vor der Kirche wieder leer, dann sind sie nach Hause gegangen oder zur nächsten Bank im Kiez. Ich setze mich in die Abendsonne und warte auf Spaziergänger, Gassigeherinnen, Frauen mit Kinderwagen, Männer mit Einkäufen. Heute vielleicht noch ein Eis und morgen dann mal nen Kaffee.

Die St. Pauluskirche gehört zur katholischen Gemeinde in Moabit und dient gleichzeitig als Klosterkirche der in Moabit ansässigen Dominikaner. Spätgotischer Backsteinbau, erbaut 1892/1893. Steht auf der Denkmalliste des Landes Berlin.

Der Rhythmus einer großen Stadt

Kannst du’s hören?
Spürst du es?
Das leise Zittern in der Luft
In der Stille dieses Raums
Ein Puls der durch die Wände geht
Ein Sturm der um die Häuser weht
Es pocht, es flackert, stockt und rast
Der Rhythmus einer grossen Stadt
– Rhythmus Berlin

Kante: Der Rhythmus einer großen Stadt (Prolog) in: Kante Plays Rhythmus Berlin, Edition Kantine 2007.

umbruch, notiz #240120

darf man vielleicht keinem sagen, vor allem nicht in berlin, aber ich liebe aufbruch, umbruch, übergang und provisorium. wenn der mensch plötzlich nicht mehr zu den orten passt und der ort nicht mehr zu den menschen. wenn bilder und geschichten (allein ja nur) dadurch entstehen, dass man sich selbst neu verorten muss, untereinander und jeden tag. bei menschen, die mit dem verweilen in einem früher die möglichkeit der erschließung neuer gedankenfelder, diskussionsorte erschweren, sehe ich oft angst und den wunsch nach beständigkeit. nach einem «das muss jetzt aber mal» und «ich will auch mal ruhe». ich hab auch angst. ich hab gerne meine ruhe. ich hätte manches auch gerne anders in meinem leben. und mein päckchen, das ich mit mir rumtrage, hat seine ganz eigene schwere. aber das ist okay. weil heute nicht wie gestern und morgen nicht wie heute sein wird. weil ich bereit bin, altes einzureißen und neues aufzubauen. weil ich – endlich – gelernt habe, dass reden hilft und baustellen mich neugierig machen, mich auf ihre eigenästhetische art und weise freudig stimmen. und weil ich in einer gesellschaft leben möchte, die den umbruch zelebriert, rückschläge feiert und am lernprozess freude empfindet. die auf forschungsergebnisse gespannt ist, die in zehn jahren wieder revidiert werden, was dann wiederum gefeiert wird, denn wir verändern uns ständig und in allen bereichen und das für sich annehmen zu lernen, ist das, was diversität ausmacht.

Samstags in der Reihe 2

Sie sitzt an einem Tisch rechts außen neben der Küche des vietnamesischen Imbisses. Es ist Mittagszeit, vor ihr liegt eine Tüte Münzgeld. In etwa gleich gefüllt sind da auch drei Plastikschälchen. Routiniert stippt sie die Münzen auf die nachgiebigen Tellerchen. Es klingelt und ratscht bis unter die spitz zulaufende Decke; schnell fügt sich der rhythmische Sound in den samstäglichen Markthallenbeat. Umgeben von verblichen bezogenen, dunkel-schweren Stühlen wirkt sie – mit ihrem Kochhut auf dem Kopf und der Schürze um den Leib – wie eine mittelständische Variante von Aschenputtel, dem die grimm’schen Tauben pragmatischere Geschenke gemacht haben als schöne Kleider und goldene Pantoffel.

Ihr Blick hebt sich, ab und an, zur Begrüßung von Stammgästen oder ins Leere, da, wo einmal der Stand von Fleischer Hoffmann war. Sie sieht rot eingefasste, weiße Fliesen und einen vergessenen Boiler. Unter wärmenden Strahlern stehen lose auf eine Linie gestellt weiße Stühle, gehalten im modernen Interieur-Stil französisch-konnotierter Kaffeehäuser. Dazu der Hinweis, es werde bald wieder Fleisch geben und auch vom Lande, ja, aus Brandenburg. Von Zugluft geleitet, weht der plastikrote Fleischervorhang rüber zum Ausgangsbereich von Norma.

Hey Chefin, ruft da der Caffè-Betreiber, seine Handflächen gespreizt auf der hohen Glastheke. Wie bereit zum Hürdensprung, lehnt er sich vor und sagt zur münzsortierenden Frau: Alles gut? Und: Kannst mir alles geben. Dabei grinst er, geübt, der alltägliche Gruß. Sie schaut auf die Münzen, dann nickt sie, nachbarschaftlich.

12:56 Uhr
Berlin, Arminius-Markthalle

moabiter feierabend

am morgen lecke ich dein müdes haupt,
ich bin dir tier in guter kleidung

was soll ich denn anfangen mit mir, sagst du. denn, sagst du, wenn ich nicht arbeite, dann sitz ich nur rum. dann sitz ich zuhaus und komm ins denken. ins denken komm ich und ins sehnen. du, sagst du, man sehnt sich nicht gut, im denken und dann auch noch bei sich, zuhaus. ich glaub ja schon an die milde der zeit und ja! an unseren kuss in der bremer straße, an den auch. aber dann ist wieder schichtbeginn, ich leck dir miefig dein müdes haupt und, sagst du, dann bin ich dir eben auch nur das: ein tier, in guter kleidung.

schiff kommt

als ich sie sehe, denke ich an die muppets. an rizzo, die ratte. die mit dem naiv-humorigen pechvogel-charme und der nervigen stimme. ich denke an ihre rolle als sidekick von charles dickens, gespielt von gonzo, in „die muppets weihnachtsgeschichte“. ich frage mich, warum ich die fernsehpuppe rein formästhetisch nicht trennen kann von dem, was ich eigentlich sehe, wenn ich auf die gleichmäßige fläche der spree schaue, die sich nicht drängen lässt, nicht vom ausbleibenden regen („riechste? schon wieder gekippt, wa“) und nicht von den ausflugsschiffen, wie den touristenlethargischen mit der aufschrift „hop on hop off“, bei denen ich gerne den zusatz „bitte nicht wörtlich nehmen“ drunter sprayen würde. und auch nicht von den restaurantschiffen mit den kinderbunten lettern an den außenwänden, als wartete im schiffsinneren kein ausgetretener teppichboden, kiefernholz-stühle mit leicht vergilbten sitzpolstern (in der annäherung rötlich) und schnitzel wiener art auf einen sondern sicherheitszertifizierte indoor-spielplätze, namentlich bellevue, charlottenburg und spreekrone. mein kopf gibt mir rätsel auf und ich bin mir nicht sicher, ob die abwesenheit von ekel etwas mit meiner mediensozialisation oder mit empirischem interesse zu tun hat. stumm blicke ich auf den aufgeblähten kleinen körper, folge den blauen adern, die dick verschnürt den bauch zusammenhalten. die vorderzähne ragen spitz-gelblich aus dem wasser. verkrampft spreizen sich die extremitäten ab vom rumpf. der schwanz ganz prall, selten gesehen so etwas. ich könnte sie aus dem wasser fischen und ein wenig puppentheater spielen. bisschen benn zitieren, was google so hergibt und der frau mit dem praktikablen kurzhaarschnitt zuwinken, deren hund regelmäßig an der gleichen stelle im trockenen gras schnüffeln muss, nämlich genau da, wo ich sitze. ratte nach hund werfen. oder nach den schiffen. kann mich nicht so ganz entscheiden. aber hat auch keine eile. ich packe die ratte ein und warte auf die nebelkrähe, die mit dem schnabel nach unten seit ein paar tagen immer wieder an mir vorbeitreibt. die spree brandet gegen meine uferkante, schiff kommt.

ich wollte

Critical Mass

Am Morgen fahren sie im Tross, eine Critical Mass aus Arbeitsamen, die sich selbst verrät, sobald jemand aus der Reihe tanzt. Die Überquerung der vierspurigen Bundesstraße vor der Siegessäule: survival of the fittest.

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