Schlagwort: Corona

ach

lang seufzt der tag zwischen den zeilen stumm liegen verbrauchte ausrufezeichen in den nachkriegsschluchten der stadt ein semikolon ach
man ist und ist allein

Über die Brücken einer bebenden Stadt (Studies V)

Gleiches mit Gleichem © Huber

Misanthropisch beschwipst, ich sage spaßbefreit, und wieder jemand, der sich wünscht, sich in mir sehen zu können. Dabei auch wieder ich, die den goldverzierten Spiegel sucht im anderen. Ich kenn dich doch, sagt er und zerrt an meinem Haar. Wir kämpfen im Abstand um Nähe. Wir bluten, wir zeigen blitzblank geputzte Zähne. Vielleicht bist du Mensch, sagt er, die Faust an meinem Kinn. Vielleicht bin ich Medium, sage ich, die Hände auf dem Rücken. Es regnet und der Besitzer des kleinen Imbisses an der Ecke feiert das Ende des Ramadan. Er sagt: Kommt rein. Er sagt: Esst mit mir. Lebt mit mir. Und nun seid, was ihr im Inneren zu werden wollt, hier, an einem zufällig ausgewählten Fensterplatz mit Blick auf eine Straße, die ihr nie mehr passieren werdet, nicht zu zweit.

I’m glad to know that Ramadan is over, schreiben wir unseren Unbekannten. I’m glad to know that we can feed our hearts onces more again.

Wir tanzen in der Stille unserer Sehnsüchte. Ich möchte mich verlieren, deine Ängste sind bewegliche Zäune aus Beton. Ich kann noch so viele Früchte in Würfel schneiden, du gibst nicht mehr als den Moment. Du liebst mit den Augen, sagst du, in der Betrachtung eines alten Gebäudes. Niemand hat es mehr bezogen, es ist so schön und so leer wie wir beide in der verzerrten Spiegelung einer schlecht ausgeleuchteten Schaufensterfront. Und vielleicht ist nichts wahrer als das, sage ich, schon wieder auf dem Weg. Über die Brücken einer bebenden Stadt.

Studies IV

Moabit, Mai 2020

Studies III

Moabit, Mai 2020

Studies II

Moabit, Mai 2020

Studies I

Moabit, Mai 2020

Fenster zum Hof

Er hat Bedenken, sie keine Lust. Keine Lust auf Verhandlungen. Auf seine gelebten Qualen, seine froschige Stimme, sein bewusst-unbewusstes Spiel mit dem Körper, abgefertigt zum quäkenden Sprachrohr, Medium des eigenen Leids. Die rechte Hand krallt sich haltsuchend in den linken Oberarm, die Haut schimmert eierschalenweiß und die Konsistenz seines Fleischs ist – auch aus der Entfernung – fühlbar. Wann war er zuletzt draußen? Wann je? Im Innenhof steht er ihr gegenüber. Das Kind läuft in Kreisen um einzeln abgeschlossene Fahrräder. Es muss die Einkaufsliste besprochen werden. Ob zuerst Oma oder der Hausarzt angerufen werden soll. Wieso der Biomüll noch oben steht. Warum du auch immer absichtlich die Post vergisst. Ist doch kein Akt. Eine Amsel hüpft im Zickzack die hellen Fassaden hoch, die Fenstersimse dienen ihr als Sprungbretter. Ich versteh dich nicht. Das Kind trägt den falschen Pulli. Du sollst es doch so nicht heben. Die Amsel landet auf dem Dach. Langsam tappst sie den Giebel entlang. Noch ein paar Meter, dann wird sie auf die Nebelkrähe treffen, die da jeden Morgen sitzt und ihre Route plant. Im zweiten Stock wird das Fenster geöffnet. Eine junge Katze beugt sich hinaus. Sie kam kurz bevor alles so wurde wie es nun ist. Mit jedem Tag wird ihr Verstehen sichtbarer, nun kauert sie schon in instinktiver Jagdhaltung auf dem Sims, ihr Sprung in die Freiheit nur noch eine Frage der Zeit. Was passiert, wenn sie’s tut? Der Hof verweigert die Spannung der Präsentation ihrer natürlichen Neugier. Sie wird ja auch nicht springen, der Sprung ist in ihrer Welt ein vorenthaltener Begriff. Ihre Neugier müsste das Feld des Nichtvorhandenseins überwinden, die brutale Leere zwischen dem zweiten Stock und dem gepflasterten Boden des Innenhofs. Die Amsel nickt, die Krähe fliegt. Beide haben sich geeinigt. Er bleibt zu Hause, ruft den Arzt an. Sie kauft ein und holt die Post. Das Kind wirft den Pulli auf den Boden. Komm Schatz, du kannst auf der Mauer laufen, sagt sie zum Kind. Willst du das? Das Kind sagt Nein, die Besitzerin der Katze schließt das Fenster. Für heute ist Regen vorhergesagt.

In den Furchen fehlender Berührungen

Die Welt ist fliederfarben träge, Explosionen in Slowmotion, sagt da eine am Bundesratufer. Gebeugt auf Stöcken, die Arme ineinander gehakt, riecht ein faltenknautschiges, rundliches Paar mit demonstrativ geschlossenen Augen – und fällt, und vergeht, im süßlichschweren Strauch. Kann keene Maske tragn, sagt einer am Handy. Krieg keene Luft, hab doch vielleicht Asthma. Wie jetzt? Na, ick halt die Luft an, bis die anderen vorbei sind. Einem Joggenden weicht er unbeholfen aus, der Blick voller Argwohn, es wäre nicht verwunderlich, wenn er plötzlich aufhörte, zu atmen, einfach, weil ihn die bloße Annahme über die Schlechtigkeit der anderen zur Einstellung der notwendigsten Lebensfunktion – und sei es eben seine eigene – zwingen würde. Man will sich nicht umarmen, man will sich doch umarmen. Man kaspert umeinander rum. Hattest du Kontakt zu irgendwem? Nee. Ich auch nicht. Ich mag dich küssen. Ja, bitte, ja! Edith Steins geteiltes Büsten-Gesicht sieht aus wie alles schon verloren. In den Windungen der Ufermeile suchen Isolierte nach Nähe. Unter der Lessingbrücke zeigen manche Unverständnis, andere den Finger. Der Weg ist nicht mal 1,5 breit, beschwert sich einer mit Frau, Bauch und Kind. Dann geh doch da nicht lang, ruft ein Isolierter, die Augen gebettet in Furchen fehlender Berührungen. Sie sagen, ich würd alles tun für ein Gefühl. Mich auf den sandig-dreckigen Boden werfen und auf die feucht-suchende Nase des nächsten Hundes warten. Ein Rotkehlchen, das auf meiner Stirn landet. Am Knöchel der aufgedunsene Schwanz einer toten Ratte, wie Sommer vergangenes Jahr, die Finger in die Erde gekrallt, weil der Boden unter der obersten Schicht weich ist und warm und all das ist, was ich nicht haben kann. Die Endlichkeit des Wartens ist eben an manchen Tagen nicht mehr als unendlich lang. Und wenn es vorbei ist, so der Isolierte, dann wird es für mich nicht anders sein. Dann wird der Flieder wieder blühen und ein anderes Paar darin verschwinden. Und ich seh zu und bleib alleine und bin, wie immer, eure Großstadt in Person.

Das Bundesratufer verläuft von der Levetzowstraße in Moabit bis zur Lessingbrücke und geht von da in den Spreebogen über. Der Spreebogen war einst Industrie- und Gewerbegebiet sowie Hauptsitz der Bolle-Meierei (Gründung 1879). Von 1999 bis 2015 befand sich das Bundesinnenministerium in dem gläsern glitzernden, hufeisenförmigen Gebäude. Es war das erste Bundesministerium, das Miete zahlte. Vor dem Gebäude existiert eine Büsten-Allee, die Straße der Erinnerung. Es schauen einen etwa an: Thomas Mann, Albert Einstein, Konrad Zuse, Käthe Kollwitz, Edith Stein. Und ein Stück Mauer gibt es auch.

Du mit deinem alten Gesicht

Manchmal denke ich noch an dich und dein Fahrrad, das nostalgisch Schwarze, für das du dich entschuldigtest, jedes Mal, wenn wir uns trafen und ich nicht verstand, du hattest dich doch einmal entschieden dafür und wenn es für den Abschied noch nicht so weit war, warum solltest du es bereits öffentlich beklagen, dich suhlen in der durch deine Unsicherheit erzwungenen Abwertung, die du auf andere und andere so unweigerlich auf dich übertragen? Natürlich nickte ich, natürlich sagte ich Ja und Doch. Als wir uns küssten, hielt meine Hand den Rahmen und du schon unseren Abschied unterm Kinn.

In Schmargendorf sehe ich dein Fahrrad. Deine tretenden Beine, den Oberkörper lenkend vornüber gebeugt, im schweren Haar den Wind; vor einem Jahr stand ich an der Kreuzung, die wir teilten miteinander, einmal. Ich rauchte und rauchte zu viel und hoffte und hoffte auch nicht, du schautest nach draußen. Du erzähltest mir von deinen nächtlichen Fahrten, deinem Schlingern und Hadern durch die Begrenztheit des Ortes, dem stoischen Versuch, die Stadt auszukreisen aus dir. Wie viele Nächte? Wie viele Fragen? Hey! Was tust du hier? Was treibt dich um? Dieser Mann ist schon drei Mal um den Brunnen gefahren, dieser Mann ist mir unheimlich nun.

Du glaubtest, sie würden deine Streifzüge zählen, sich hinter den Scheiben die Nasen zerdrücken und in den eigenen Atem das Urteil verkünden: Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden, daher hat er das alte Gesicht.*

Ich glaube nicht mehr an das Vermeintliche, ich sehe nur dein Fahrrad in Schmargendorf. Es steht jetzt abgeschlossen vor der Fleischerei, fröhlich streckt das havelländische Apfelschwein seinen Bauch in die Spiegelung des bunten Rundbeetes auf dem Berkaer Platz. Bitte die Post beim Fleischer abgeben, in der Rösterei gibt es Kaffee von einem piefigen Gesellen. Du hättest fluchend das Beet umrundet in mondlosen Nächten, du hättest nicht gewusst, wohin mit dem schicksalsergebenen Druck in der Brust. Zur Dorfkirche, den kleinen Gräbern und den beiden Grünfinken, die sich um die Gestecke jagen, ist auch Frühling, ja. Oder warten vor dem backsteinblöden Rathaus, bis wir es irgendwann doch selbst verlassen würden, schwarz und dick vermählt, hastig mit Konfetti beworfen, du mit deinem altem Gesicht und ich, ich altere nicht.

*Zitat aus: Hermann Sudermann: Frau Sorge (1887)

Heute ein Eis

Die Türen sind geöffnet, sperrangelweit. Kleine Glocken klingeln fein und Passanten lachen erregt ins innere Offen: Du auch wieder hier? Toi toi toi. Wir gucken nur. Heute Eis, morgen dann vielleicht mal nen Kaffee. Vorgestern saßen wir noch auf Jochen’s Bank und fragten uns, wann es sein wird, wann es uns wieder trifft, das Leben, das wir kannten, vor sechs Wochen zuletzt. Darf ich hier an den Rand? Das ist doch weit genug. Ich nicke, klar, sind ja gefühlt zwei Meter. Die Masken setzen wir ab und wischen damit kurz weg die fremdbestimmte Scham, die zwischen Oberlippe und Nase vertikal verrinnt, am Philtrum entlang, dem anatomischen Ort für Nutzlosigkeiten. Heute sitzen sie da zu viert, neben dem äußersten auf dem Boden eine papierne Box. Er holt ein Taschenbuch hervor, blättert durch: vergilbt. Einen Rührbesen, einen Schuh. Er reicht die Gegenstände weiter nach rechts. Am Ende hat jeder was und der letzte die Box. Det sach ich allet meiner Mama!, ruft ein kahlköpfiger Mann, während er in Socken auf seinem Fahrrad die Bank umkreist. Mama! Mutti! Im Café an der Ecke gibt es wieder polnische Kuchen und eine Plexiglasscheibe. Ich kann das Aufatmen nicht fassen, die Hände sind frierend kalt und in den Beinen krabbelt, schwer geworden, die Unruhe. Ich sehe den Stromkasten auf dem Gelände der St. Pauluskirche, auch hier ist das Tor offen. Vor der Rosenkranzkapelle die Bitte um Abstand, im Seitenschiff: allein mit mönchischem Gesang aus schmalen Lautsprechern und eisernem Gitter zum Langhaus hin. Beichtglocke bitte läuten, Beichtvater kommt steht auf einem Schalter neben dem Kapellenaltar. Ich kniee nieder, das braune Polster ist weich, habe schon so lange nicht mehr gekniet und weiß ja doch, was zu tun. In der Brust quillt so was wie anerzogene Erschlagenheit; alle Kirchen riechen gleich. Det sach ich allet, rufts in meinem Kopf. Det sach ich allet. Ich warte, bis es stumm geworden ist in mir, dann ist auch die Bank vor der Kirche wieder leer, dann sind sie nach Hause gegangen oder zur nächsten Bank im Kiez. Ich setze mich in die Abendsonne und warte auf Spaziergänger, Gassigeherinnen, Frauen mit Kinderwagen, Männer mit Einkäufen. Heute vielleicht noch ein Eis und morgen dann mal nen Kaffee.

Die St. Pauluskirche gehört zur katholischen Gemeinde in Moabit und dient gleichzeitig als Klosterkirche der in Moabit ansässigen Dominikaner. Spätgotischer Backsteinbau, erbaut 1892/1893. Steht auf der Denkmalliste des Landes Berlin.