Schlagwort: Kartografie des Alltags

Fenster zum Hof

Er hat Bedenken, sie keine Lust. Keine Lust auf Verhandlungen. Auf seine gelebten Qualen, seine froschige Stimme, sein bewusst-unbewusstes Spiel mit dem Körper, abgefertigt zum quäkenden Sprachrohr, Medium des eigenen Leids. Die rechte Hand krallt sich haltsuchend in den linken Oberarm, die Haut schimmert eierschalenweiß und die Konsistenz seines Fleischs ist – auch aus der Entfernung – fühlbar. Wann war er zuletzt draußen? Wann je? Im Innenhof steht er ihr gegenüber. Das Kind läuft in Kreisen um einzeln abgeschlossene Fahrräder. Es muss die Einkaufsliste besprochen werden. Ob zuerst Oma oder der Hausarzt angerufen werden soll. Wieso der Biomüll noch oben steht. Warum du auch immer absichtlich die Post vergisst. Ist doch kein Akt. Eine Amsel hüpft im Zickzack die hellen Fassaden hoch, die Fenstersimse dienen ihr als Sprungbretter. Ich versteh dich nicht. Das Kind trägt den falschen Pulli. Du sollst es doch so nicht heben. Die Amsel landet auf dem Dach. Langsam tappst sie den Giebel entlang. Noch ein paar Meter, dann wird sie auf die Nebelkrähe treffen, die da jeden Morgen sitzt und ihre Route plant. Im zweiten Stock wird das Fenster geöffnet. Eine junge Katze beugt sich hinaus. Sie kam kurz bevor alles so wurde wie es nun ist. Mit jedem Tag wird ihr Verstehen sichtbarer, nun kauert sie schon in instinktiver Jagdhaltung auf dem Sims, ihr Sprung in die Freiheit nur noch eine Frage der Zeit. Was passiert, wenn sie’s tut? Der Hof verweigert die Spannung der Präsentation ihrer natürlichen Neugier. Sie wird ja auch nicht springen, der Sprung ist in ihrer Welt ein vorenthaltener Begriff. Ihre Neugier müsste das Feld des Nichtvorhandenseins überwinden, die brutale Leere zwischen dem zweiten Stock und dem gepflasterten Boden des Innenhofs. Die Amsel nickt, die Krähe fliegt. Beide haben sich geeinigt. Er bleibt zu Hause, ruft den Arzt an. Sie kauft ein und holt die Post. Das Kind wirft den Pulli auf den Boden. Komm Schatz, du kannst auf der Mauer laufen, sagt sie zum Kind. Willst du das? Das Kind sagt Nein, die Besitzerin der Katze schließt das Fenster. Für heute ist Regen vorhergesagt.

In den Furchen fehlender Berührungen

Die Welt ist fliederfarben träge, Explosionen in Slowmotion, sagt da eine am Bundesratufer. Gebeugt auf Stöcken, die Arme ineinander gehakt, riecht ein faltenknautschiges, rundliches Paar mit demonstrativ geschlossenen Augen – und fällt, und vergeht, im süßlichschweren Strauch. Kann keene Maske tragn, sagt einer am Handy. Krieg keene Luft, hab doch vielleicht Asthma. Wie jetzt? Na, ick halt die Luft an, bis die anderen vorbei sind. Einem Joggenden weicht er unbeholfen aus, der Blick voller Argwohn, es wäre nicht verwunderlich, wenn er plötzlich aufhörte, zu atmen, einfach, weil ihn die bloße Annahme über die Schlechtigkeit der anderen zur Einstellung der notwendigsten Lebensfunktion – und sei es eben seine eigene – zwingen würde. Man will sich nicht umarmen, man will sich doch umarmen. Man kaspert umeinander rum. Hattest du Kontakt zu irgendwem? Nee. Ich auch nicht. Ich mag dich küssen. Ja, bitte, ja! Edith Steins geteiltes Büsten-Gesicht sieht aus wie alles schon verloren. In den Windungen der Ufermeile suchen Isolierte nach Nähe. Unter der Lessingbrücke zeigen manche Unverständnis, andere den Finger. Der Weg ist nicht mal 1,5 breit, beschwert sich einer mit Frau, Bauch und Kind. Dann geh doch da nicht lang, ruft ein Isolierter, die Augen gebettet in Furchen fehlender Berührungen. Sie sagen, ich würd alles tun für ein Gefühl. Mich auf den sandig-dreckigen Boden werfen und auf die feucht-suchende Nase des nächsten Hundes warten. Ein Rotkehlchen, das auf meiner Stirn landet. Am Knöchel der aufgedunsene Schwanz einer toten Ratte, wie Sommer vergangenes Jahr, die Finger in die Erde gekrallt, weil der Boden unter der obersten Schicht weich ist und warm und all das ist, was ich nicht haben kann. Die Endlichkeit des Wartens ist eben an manchen Tagen nicht mehr als unendlich lang. Und wenn es vorbei ist, so der Isolierte, dann wird es für mich nicht anders sein. Dann wird der Flieder wieder blühen und ein anderes Paar darin verschwinden. Und ich seh zu und bleib alleine und bin, wie immer, eure Großstadt in Person.

Das Bundesratufer verläuft von der Levetzowstraße in Moabit bis zur Lessingbrücke und geht von da in den Spreebogen über. Der Spreebogen war einst Industrie- und Gewerbegebiet sowie Hauptsitz der Bolle-Meierei (Gründung 1879). Von 1999 bis 2015 befand sich das Bundesinnenministerium in dem gläsern glitzernden, hufeisenförmigen Gebäude. Es war das erste Bundesministerium, das Miete zahlte. Vor dem Gebäude existiert eine Büsten-Allee, die Straße der Erinnerung. Es schauen einen etwa an: Thomas Mann, Albert Einstein, Konrad Zuse, Käthe Kollwitz, Edith Stein. Und ein Stück Mauer gibt es auch.

Heute ein Eis

Die Türen sind geöffnet, sperrangelweit. Kleine Glocken klingeln fein und Passanten lachen erregt ins innere Offen: Du auch wieder hier? Toi toi toi. Wir gucken nur. Heute Eis, morgen dann vielleicht mal nen Kaffee. Vorgestern saßen wir noch auf Jochen’s Bank und fragten uns, wann es sein wird, wann es uns wieder trifft, das Leben, das wir kannten, vor sechs Wochen zuletzt. Darf ich hier an den Rand? Das ist doch weit genug. Ich nicke, klar, sind ja gefühlt zwei Meter. Die Masken setzen wir ab und wischen damit kurz weg die fremdbestimmte Scham, die zwischen Oberlippe und Nase vertikal verrinnt, am Philtrum entlang, dem anatomischen Ort für Nutzlosigkeiten. Heute sitzen sie da zu viert, neben dem äußersten auf dem Boden eine papierne Box. Er holt ein Taschenbuch hervor, blättert durch: vergilbt. Einen Rührbesen, einen Schuh. Er reicht die Gegenstände weiter nach rechts. Am Ende hat jeder was und der letzte die Box. Det sach ich allet meiner Mama!, ruft ein kahlköpfiger Mann, während er in Socken auf seinem Fahrrad die Bank umkreist. Mama! Mutti! Im Café an der Ecke gibt es wieder polnische Kuchen und eine Plexiglasscheibe. Ich kann das Aufatmen nicht fassen, die Hände sind frierend kalt und in den Beinen krabbelt, schwer geworden, die Unruhe. Ich sehe den Stromkasten auf dem Gelände der St. Pauluskirche, auch hier ist das Tor offen. Vor der Rosenkranzkapelle die Bitte um Abstand, im Seitenschiff: allein mit mönchischem Gesang aus schmalen Lautsprechern und eisernem Gitter zum Langhaus hin. Beichtglocke bitte läuten, Beichtvater kommt steht auf einem Schalter neben dem Kapellenaltar. Ich kniee nieder, das braune Polster ist weich, habe schon so lange nicht mehr gekniet und weiß ja doch, was zu tun. In der Brust quillt so was wie anerzogene Erschlagenheit; alle Kirchen riechen gleich. Det sach ich allet, rufts in meinem Kopf. Det sach ich allet. Ich warte, bis es stumm geworden ist in mir, dann ist auch die Bank vor der Kirche wieder leer, dann sind sie nach Hause gegangen oder zur nächsten Bank im Kiez. Ich setze mich in die Abendsonne und warte auf Spaziergänger, Gassigeherinnen, Frauen mit Kinderwagen, Männer mit Einkäufen. Heute vielleicht noch ein Eis und morgen dann mal nen Kaffee.

Die St. Pauluskirche gehört zur katholischen Gemeinde in Moabit und dient gleichzeitig als Klosterkirche der in Moabit ansässigen Dominikaner. Spätgotischer Backsteinbau, erbaut 1892/1893. Steht auf der Denkmalliste des Landes Berlin.

Samstags in der Reihe 2

Sie sitzt an einem Tisch rechts außen neben der Küche des vietnamesischen Imbisses. Es ist Mittagszeit, vor ihr liegt eine Tüte Münzgeld. In etwa gleich gefüllt sind da auch drei Plastikschälchen. Routiniert stippt sie die Münzen auf die nachgiebigen Tellerchen. Es klingelt und ratscht bis unter die spitz zulaufende Decke; schnell fügt sich der rhythmische Sound in den samstäglichen Markthallenbeat. Umgeben von verblichen bezogenen, dunkel-schweren Stühlen wirkt sie – mit ihrem Kochhut auf dem Kopf und der Schürze um den Leib – wie eine mittelständische Variante von Aschenputtel, dem die grimm’schen Tauben pragmatischere Geschenke gemacht haben als schöne Kleider und goldene Pantoffel.

Ihr Blick hebt sich, ab und an, zur Begrüßung von Stammgästen oder ins Leere, da, wo einmal der Stand von Fleischer Hoffmann war. Sie sieht rot eingefasste, weiße Fliesen und einen vergessenen Boiler. Unter wärmenden Strahlern stehen lose auf eine Linie gestellt weiße Stühle, gehalten im modernen Interieur-Stil französisch-konnotierter Kaffeehäuser. Dazu der Hinweis, es werde bald wieder Fleisch geben und auch vom Lande, ja, aus Brandenburg. Von Zugluft geleitet, weht der plastikrote Fleischervorhang rüber zum Ausgangsbereich von Norma.

Hey Chefin, ruft da der Caffè-Betreiber, seine Handflächen gespreizt auf der hohen Glastheke. Wie bereit zum Hürdensprung, lehnt er sich vor und sagt zur münzsortierenden Frau: Alles gut? Und: Kannst mir alles geben. Dabei grinst er, geübt, der alltägliche Gruß. Sie schaut auf die Münzen, dann nickt sie, nachbarschaftlich.

12:56 Uhr
Berlin, Arminius-Markthalle

Kleine Welt

 

 

Die Fahrt dauert nur ein paar Minuten, man muss sich schon entscheiden, wo man sitzt. An der holzvertäfelten Innenwand der Fahrgastkabine hängt eine 40×50 cm große Leinwand, bunte Striche sind zu erkennen und knuffig-grinsende Kreise.

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»leninisstillaround.com« ist auf einem Sticker zu lesen, der an einer alten Sicherheitstür klebt. Die Tür befindet sich im Sockel einer 20 Meter hohen Bronzeskulptur, es ist die größte der Stadt.

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Fliegende Fische

»Alles im Leben hat seine Zeit« ist in schwarzem Graffito auf der Fahrerseite des Autos zu lesen, das auf einer eingezäunten Brachfläche neben der S-Bahn-Haltestelle Marienehe steht. Vermutlich ist es ein Ford Capri, zweite Generation. Das Metallic Grau schon abgestumpft; von der langen Schnauze über das flache Dach bis hin zum kurzen Heck ziehen sich zwei blaue Streifen. Da wollte einmal jemand Rennfahrer sein, auf der Überholspur des Lebens, auch dafür braucht es Zeit.

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Wochenendeinkauf

Auf dem Innenhof der früheren Bezirksverwaltung der Staatssicherheit gibt es Parkplätze und einen Supermarkt. Darauf weisen zwei Schilder hinter den Gebäuden des Land- und Arbeitsgerichtes hin: »ehem. Stasi-U-Haft« und »Penny«.

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Frühlingsgefühle

»Das zerstörte Nest« von Rabindranath Tagore gibt es heute für vier Euro. Es liegt auf dem »Reduziert«-Stapel draußen vor dem Antiquariat. Zum ersten Mal seit Monaten wärmt die Sonne Kopf und Körper, Mützen werden weggepackt, und auch die Handschuhe. Noch ist Winter, aber heute lädt das Wetter zum Bummeln ein.

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