Fliegende Fische

»Alles im Leben hat seine Zeit« ist in schwarzem Graffito auf der Fahrerseite des Autos zu lesen, das auf einer eingezäunten Brachfläche neben der S-Bahn-Haltestelle Marienehe steht. Vermutlich ist es ein Ford Capri, zweite Generation. Das Metallic Grau schon abgestumpft; von der langen Schnauze über das flache Dach bis hin zum kurzen Heck ziehen sich zwei blaue Streifen. Da wollte einmal jemand Rennfahrer sein, auf der Überholspur des Lebens, auch dafür braucht es Zeit.

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Nacht, die nicht zu Ende geht

Der Schlaf ist gegangen, vor Tagen schon. Er ist gegangen,
und mit ihm die Kalauer, Revierwitze, Oberflächenkontakte
und das konzeptionell bedingte Gefühl der Stärke.
Zwischen den Lidern krabbeln enttäuschte Erwartungen.
Ihre Lederhäute tragen Dornen, fortwährend gebären sie
abgenutzte Metaphern, gewagte Traumräume.
Ein verschämter Blick durch die Tür:
Die Statik stimmt nicht, es würde schmerzen, zu sehr.

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Ich träumte

ich träumte, ich suchte einen ort, an dem ich ganz und gar für mich sein konnte. in meinem traum war der ort eine im bau befindliche garage auf einem abgesperrten gelände mit wild abgestellten silberfarbenen mercedes, denen die kfz-kennzeichen fehlten. wohlgefühlt habe ich mich nicht, aber ich war allein, und kein krieg tobte.

Europaplatz, Ecke Kurze Straße

Nichts als Blüten und Wörter

Meine Hände in seinen Hosentaschen, er presst mich an seinen Bauch, mein plapperndes Blut erwacht zu unserer schlaflosen Nacht, wir lassen den Tag draußen vor der Tür. Seit unserer Ankunft habe ich den Körper einer anderen. An diesem Abend habe ich Kaffee gemacht. Der Zucker klebt mir in den Augen und ich habe keine Ahnung, wie du es anstellst, es hinter meinem Rücken zu erkennen.

Nicolas Clément: Nichts als Blüten und Wörter. Aus dem Französischen von Bernadette Ott. Mit einem Nachwort von Roman Lach. Erste Auflage. Berlin: Ripperger & Kremers Verlag, 2016. S. 53.

in der nachbetrachtung

komm lass mich dich neu erfinden wochen
schon hast du gelebt mit dir die haut ist alt
das herzstück scheu und auch du bist wie
du deinen scham pflegst anrüchig jetzt in
der nachbetrachtung mit jeder erinnerung
dunkeln die augen nach die kränze kugeln
zwischen den fingerkuppen es gibt keinen
schmerz den du nicht gefühlt hast komm
lass mich dich neu erfinden du bist schon
alt

Beim Akupunkteur

Die Tür des Behandlungszimmer 2 geht auf, eine Frauenstimme sagt: Sie können Ihre Hose hier ablegen. Die Tür wird geschlossen. Jemand schnauft. Eine Gürtelschnalle ist zu hören, dann ein Beugen, ein Ächzen. Die Atmung ist laut und männlich. Der Gürtel berührt einen der metallenen Pfosten des Ablagestuhls. Der Mann setzt sich auf die Behandlungsliege mit dem Loch am Kopfende, das Ärztekrepp verrutscht, es knistert über dem PVC-Leder.

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Das Büro I: Direktor Beerta

Die Kopfschmerzen dauerten bis zum Abend des folgenden Tages an. Danach fühlte er sich ungewöhnlich klar. Er sah seine Zukunft in einem scharfen Licht, ohne jede Illusion. Es gab keinen Ausweg. Man wird älter. Man muss leben. Wenn man unabhängig bleiben will, muss man eine Arbeit haben. Es schien eine schlüssige Begründung, und doch suchte er weiter nach einer Öffnung, um zu entwischen, wie eine Ratte, die an den Wänden ihres Käfigs entlangrennt, anstatt sich damit abzufinden, dass der Raum fortan kleiner sein würde.

J. J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. München: Verlag C. H. Beck, 2012. S. 88.