Schlagwort: Stadt

Über die Brücken einer bebenden Stadt (Studies V)

Gleiches mit Gleichem © Huber

Misanthropisch beschwipst, ich sage spaßbefreit, und wieder jemand, der sich wünscht, sich in mir sehen zu können. Dabei auch wieder ich, die den goldverzierten Spiegel sucht im anderen. Ich kenn dich doch, sagt er und zerrt an meinem Haar. Wir kämpfen im Abstand um Nähe. Wir bluten, wir zeigen blitzblank geputzte Zähne. Vielleicht bist du Mensch, sagt er, die Faust an meinem Kinn. Vielleicht bin ich Medium, sage ich, die Hände auf dem Rücken. Es regnet und der Besitzer des kleinen Imbisses an der Ecke feiert das Ende des Ramadan. Er sagt: Kommt rein. Er sagt: Esst mit mir. Lebt mit mir. Und nun seid, was ihr im Inneren zu werden wollt, hier, an einem zufällig ausgewählten Fensterplatz mit Blick auf eine Straße, die ihr nie mehr passieren werdet, nicht zu zweit.

I’m glad to know that Ramadan is over, schreiben wir unseren Unbekannten. I’m glad to know that we can feed our hearts onces more again.

Wir tanzen in der Stille unserer Sehnsüchte. Ich möchte mich verlieren, deine Ängste sind bewegliche Zäune aus Beton. Ich kann noch so viele Früchte in Würfel schneiden, du gibst nicht mehr als den Moment. Du liebst mit den Augen, sagst du, in der Betrachtung eines alten Gebäudes. Niemand hat es mehr bezogen, es ist so schön und so leer wie wir beide in der verzerrten Spiegelung einer schlecht ausgeleuchteten Schaufensterfront. Und vielleicht ist nichts wahrer als das, sage ich, schon wieder auf dem Weg. Über die Brücken einer bebenden Stadt.

Studies IV

Moabit, Mai 2020

Studies III

Moabit, Mai 2020

Studies II

Moabit, Mai 2020

Studies I

Moabit, Mai 2020

Heimatstadt, ein Tag

Haben Sie etwas Kleingeld? Ich muss das wechseln. Wenn Ihnen
jemand eine Rose schenkt ist das der blaue Himmel
du willst dich setzen hier der Schatten eines Baumes mir bleibt
die Sonne ein Jogger läuft nah am Wasser; wenn man am Fluss sitzt und nicht drüber schleicht ist er kristallklar

Kinder schreien Wind durch dein Haar
rundherum liegen fleischige Berge
ein Boot fährt 2x
Kassen klingeln in der Bahnhofstraße wir trinken
die Rathauszeiger ticken wir trotten
Altstadt weißer Brunnen Fröschengasse

Wärme rieselt aus deiner Hand
krabbelt in meine vermengt die Stadt
Haltestellenfieber
zwei blauweiße Würmer ein schneller Kuss
du in die eine ich in die andere und heute weiß ich
das war unser letzter Tag

zuerst (so ähnlich) erschienen in „Gedichtekarussell“, Heft 2, August 2008, Thema: Stadt. Redaktion: Monika Haake, Torsten Voßberg, David Damm.

Der Rhythmus einer großen Stadt

Kannst du’s hören?
Spürst du es?
Das leise Zittern in der Luft
In der Stille dieses Raums
Ein Puls der durch die Wände geht
Ein Sturm der um die Häuser weht
Es pocht, es flackert, stockt und rast
Der Rhythmus einer grossen Stadt
– Rhythmus Berlin

Kante: Der Rhythmus einer großen Stadt (Prolog) in: Kante Plays Rhythmus Berlin, Edition Kantine 2007.

moabiter feierabend

am morgen lecke ich dein müdes haupt,
ich bin dir tier in guter kleidung

was soll ich denn anfangen mit mir, sagst du. denn, sagst du, wenn ich nicht arbeite, dann sitz ich nur rum. dann sitz ich zuhaus und komm ins denken. ins denken komm ich und ins sehnen. du, sagst du, man sehnt sich nicht gut, im denken und dann auch noch bei sich, zuhaus. ich glaub ja schon an die milde der zeit und ja! an unseren kuss in der bremer straße, an den auch. aber dann ist wieder schichtbeginn, ich leck dir miefig dein müdes haupt und, sagst du, dann bin ich dir eben auch nur das: ein tier, in guter kleidung.

Nacht, die nicht zu Ende geht

Der Schlaf ist gegangen, vor Tagen schon. Er ist gegangen,
und mit ihm die Kalauer, Revierwitze, Oberflächenkontakte
und das konzeptionell bedingte Gefühl der Stärke.
Zwischen den Lidern krabbeln enttäuschte Erwartungen.
Ihre Lederhäute tragen Dornen, fortwährend gebären sie
abgenutzte Metaphern, gewagte Traumräume.
Ein verschämter Blick durch die Tür:
Die Statik stimmt nicht, es würde schmerzen, zu sehr.

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