Dosenbier

ich steh am ufer der warnow, seh schwäne auf ihr treiben und dosenbier; wirkt ja alles bisschen zu gewollt am rand dieses bald durchgentrifizierten stadthafens (hinter mir ne leere flasche »berliner luft«, so als statement) und während ich da stehe und sehe, wie einer der schwäne guckt (wie schwäne halt gucken), stelle ich fest, dass zwischen dem letzten schnee und dem ersten sommertag gerade einmal vier oder fünf tage vergangen sind und egal, wie ich es angehe, darauf komm ich nicht klar, das raff ich nicht; ich im schnee, fast knietief, wie ich mit dir zum bahnhof stapfe, dir tschüss sagen muss, obwohl ich das gar nicht will und dann ich, sitzend auf einer bank an der sonneneitlen warnow, zwei bücher gleichzeitig lesend, eins, das im deutschlandfunk vorgestellt wurde und eins, das mir eine freundin empfahl und die sich auf so einer verschrobenen ebene ergänzen, denn das eine handelt von einer französischen 50-jahre-provinzjugend mit masturbationsproblemen und das andere von einem verkopften 14-jährigen im ddr-ferienlager, aber kurz vor mauerfall halt. ich geh kaputt, das denk ich so, laut aussprechen würd ichs nicht; letztens hab ich in gegenwart eines kleinkindes dreimal »scheiße« gesagt und jetzt wird einfach gar nichts mehr gut. ich häng so in den seilen, vier tage zwischen winter und sommer, die selbstzweifel haben das wetter überstanden – die überstehen aber auch alles, so ätzende widerstandsfähige pickel, pickel sind das ätzendste – und kurz überleg ich, wie ich das dosenbier aus der warnow fischen könnte, den schwänen zuliebe. dann fällt mir aber ein, dass ich immer falle. hat bislang nur keiner mitbekommen, was ein glück, ich falle nämlich ständig. also lass ich es und versuch das einfach zu ignorieren, das bier, den schwan, den schnee und dass ich schon wieder nichts brauchbares erlebt habe. vor mir teure neubauten auf dem hafengelände; was gelogen ist, ich erleb ständig zeug. etwa am denkmal für die revolutionären matrosen, bei dem es 2016 noch hieß, bis zum stadtjubiläum diesen juni sei es saniert, ja, ich finds cool so, riecht halt, erzähl ich aber ein andermal, vielleicht (war drauf, war geil). ? #60tagerostock

A post shared by melanie (@meliterature) on

Fliegende Fische

»Alles im Leben hat seine Zeit« ist in schwarzem Graffito auf der Fahrerseite des Autos zu lesen, das auf einer eingezäunten Brachfläche neben der S-Bahn-Haltestelle Marienehe steht. Vermutlich ist es ein Ford Capri, zweite Generation. Das Metallic Grau schon abgestumpft; von der langen Schnauze über das flache Dach bis hin zum kurzen Heck ziehen sich zwei blaue Streifen. Da wollte einmal jemand Rennfahrer sein, auf der Überholspur des Lebens, auch dafür braucht es Zeit.

„Fliegende Fische“ weiterlesen

pflügende rollatoren

Frühlingsgefühle

»Das zerstörte Nest« von Rabindranath Tagore gibt es heute für vier Euro. Es liegt auf dem »Reduziert«-Stapel draußen vor dem Antiquariat. Zum ersten Mal seit Monaten wärmt die Sonne Kopf und Körper, Mützen werden weggepackt, und auch die Handschuhe. Noch ist Winter, aber heute lädt das Wetter zum Bummeln ein.

„Frühlingsgefühle“ weiterlesen

Ich träumte

ich träumte, ich suchte einen ort, an dem ich ganz und gar für mich sein konnte. in meinem traum war der ort eine im bau befindliche garage auf einem abgesperrten gelände mit wild abgestellten silberfarbenen mercedes, denen die kfz-kennzeichen fehlten. wohlgefühlt habe ich mich nicht, aber ich war allein, und kein krieg tobte.

in der nachbetrachtung

komm lass mich dich neu erfinden wochen
schon hast du gelebt mit dir die haut ist alt
das herzstück scheu und auch du bist wie
du deinen scham pflegst anrüchig jetzt in
der nachbetrachtung mit jeder erinnerung
dunkeln die augen nach die kränze kugeln
zwischen den fingerkuppen es gibt keinen
schmerz den du nicht gefühlt hast komm
lass mich dich neu erfinden du bist schon
alt

Schnee schmilzt