Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Ich war streckenweise so übel drauf wie seit der Pubertät nicht mehr und habe beinahe drei Mead-Kladden vollgeschrieben bei dem Versuch, herauszufinden, an wem es denn nun lag, an ihnen oder bloß an mir.

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Deutsch von Marcus Ingendaay. marebibliothek. Autoren erzählen ihre Geschichten vom Meer. Herausgegeben von Denis Scheck. Band 1 (5. Auflage). Hamburg: marebuchverlag, 2002. S. 10.

Die letzte Kränkung

Ich fuhr aus meinen Gedanken auf, und das Abendläuten machte den Hafen zum wirklichen Ort einer fassbaren Welt, in der Zeit verstrich, während man angelnden Kindern zusah und ein Glas Rotwein nach dem anderen trank, einer Welt, in der Schiffe abfahren, um wieder anzukommen, und ankommen, um wieder abzufahren, und nicht um dem Trinkenden zu bedeuten, wie vergebens all seine Hoffnungen und Erwartungen sind.

Christopher Ecker: Die letze Kränkung. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 2014 . S. 6f.

Astragalus

Sie haben eine Stunde auf mich gewartet? Ich zwei. Woanders und nicht auf Sie, aber was soll’s? Einer von euch schuldet mir eine Stunde.

Albertine Sarrazin: Astragalus. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Mit einem Nachwort von Patti Smith. (Frz. Original: L’astragle. Paris: Pauvert, 1965.) Berlin: Hanser Verlag, 2013. S. 152.

„La Sylphide“ – Theater Kiel

Wann geht es nicht um Wandlung; nach dem Aufgang („Kind, hier muss man Treppen steigen“) dort sitzen, wo die Decken nahe sind, im sehnsuchtverbauten Stil der fünfziger Jahre, auf Klappstühlen Luftgeister spüren, durch die offenen Fenster unterm Dach. Neben mir die Frau, die an der Garderobe ihre „Straßenschuhe“ abgegeben hat. Licht ist das, was mich hält.
Auf der Bühne: Walt Disney im Spitzentanz. „Schotten, das sollen Schotten sein“, heißt es hinter mir, die karierten Röcke kulturell einordnen wollend. Es hätte auch ein anderer Rock getan.

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Der Holzvulkan

wir teilten uns einen Quadratmeter Welt

Hans Plechinski: Der Holzvulkan. Ein deutscher Festbrief. Mit einem Nachwort von Gustav Seibt. München: C.H. Beck textura, 2014. S.68.

Innere Architektur

Man braucht eine Stele in sich. Etwas, das steht, und zwar fest, fest und aus Granit, mit Inschriften, Begrenzungen, Wegweisern. Ohne Stele keine Orientierung – nicht im Sieg, nicht in der Niederlage. Am Ende braucht man etwas, das herausragt aus einem. Von der Mitte kommend, durch die Speiseröhre, den Kopf überstreckt und der Mund zum Rund – hinaus!

5:19 Uhr, Hannover Aegidientorplatz

Auf der ersten Ebene der unterirdischen Haltestelle am Aegidientorplatz stehen vereinzelt Menschen. Sie schweigen. Vorne am Bahnsteig in Richtung Stadtmitte steht ein älterer Mann in einer jägergrünen Jacke. Er starrt einen weißen Fleck auf dem Ziegelstein-Boden an. Dann schabt er mit seiner rechten Turnschuhspitze mehrfach über den Fleck. Der Fleck bleibt. Der Mann zieht seinen Fuß zurück.

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Übergang

Die Städte sind eins, und sie sind es nicht
der Straßenmusikant ruft
alles klar. Alles klar
aber vielleicht ist es das gar nicht
der Wind pfeift durch den Flur der Holtenauer Straße
es ist nicht gut, irgendwo anzukommen
im Winter