Autor: Melanie Huber

Poetologische Notiz (Studies VI)

Vanitas Wedding/Moabit © Huber

du kannst alles tun, was ich bin
am ende geißle ich trotzdem deine interpunktion, weil es eben
doch nur ein du und immer nur ein ich geben kann. dabei
misstraue ich dem du; mein verhältnis zum ich ist klar
für den hunger verschlinge ich zu gerne dein wir.

ein er, eine sie, eine sie, ein er
irgendwas daran erklären, das morgen keinen bestand mehr hat
bei aller liebe zum narrativ: das funktioniert so nicht. meine welt ist
auf filmischen sümpfen gebaut, hier bist du ein du und ich
das führende ich. oder du mein ich und ich dein du,
hab ja auch nichts gegen einen switch. kommst du vorbei, mach ichs
uns gemütlich, mach ichs uns warm. willst du was mit mir
zu tun haben, musst du dich darauf einlassen. und wenn du am ende
nicht gehst, gehe ich für dich. dann folgt satz auf satz
ein immer lauter werdender schrei, dann schreie ich in ICH
und es ist mir gleich, was er denkt oder sie oder ihr. bis ich wieder
zahm werde in mir, mich in meinen sümpfen versenke, und ein nächstes mich reizt.

bleibst du über, ist das dein versehen.

Über die Brücken einer bebenden Stadt (Studies V)

Gleiches mit Gleichem © Huber

Misanthropisch beschwipst, ich sage spaßbefreit, und wieder jemand, der sich wünscht, sich in mir sehen zu können. Dabei auch wieder ich, die den goldverzierten Spiegel sucht im anderen. Ich kenn dich doch, sagt er und zerrt an meinem Haar. Wir kämpfen im Abstand um Nähe. Wir bluten, wir zeigen blitzblank geputzte Zähne. Vielleicht bist du Mensch, sagt er, die Faust an meinem Kinn. Vielleicht bin ich Medium, sage ich, die Hände auf dem Rücken. Es regnet und der Besitzer des kleinen Imbisses an der Ecke feiert das Ende des Ramadan. Er sagt: Kommt rein. Er sagt: Esst mit mir. Lebt mit mir. Und nun seid, was ihr im Inneren zu werden wollt, hier, an einem zufällig ausgewählten Fensterplatz mit Blick auf eine Straße, die ihr nie mehr passieren werdet, nicht zu zweit.

I’m glad to know that Ramadan is over, schreiben wir unseren Unbekannten. I’m glad to know that we can feed our hearts onces more again.

Wir tanzen in der Stille unserer Sehnsüchte. Ich möchte mich verlieren, deine Ängste sind bewegliche Zäune aus Beton. Ich kann noch so viele Früchte in Würfel schneiden, du gibst nicht mehr als den Moment. Du liebst mit den Augen, sagst du, in der Betrachtung eines alten Gebäudes. Niemand hat es mehr bezogen, es ist so schön und so leer wie wir beide in der verzerrten Spiegelung einer schlecht ausgeleuchteten Schaufensterfront. Und vielleicht ist nichts wahrer als das, sage ich, schon wieder auf dem Weg. Über die Brücken einer bebenden Stadt.

Studies IV

Moabit, Mai 2020

Studies III

Moabit, Mai 2020

Studies II

Moabit, Mai 2020

Studies I

Moabit, Mai 2020

Heimatstadt, ein Tag

Haben Sie etwas Kleingeld? Ich muss das wechseln. Wenn Ihnen
jemand eine Rose schenkt ist das der blaue Himmel
du willst dich setzen hier der Schatten eines Baumes mir bleibt
die Sonne ein Jogger läuft nah am Wasser; wenn man am Fluss sitzt und nicht drüber schleicht ist er kristallklar

Kinder schreien Wind durch dein Haar
rundherum liegen fleischige Berge
ein Boot fährt 2x
Kassen klingeln in der Bahnhofstraße wir trinken
die Rathauszeiger ticken wir trotten
Altstadt weißer Brunnen Fröschengasse

Wärme rieselt aus deiner Hand
krabbelt in meine vermengt die Stadt
Haltestellenfieber
zwei blauweiße Würmer ein schneller Kuss
du in die eine ich in die andere und heute weiß ich
das war unser letzter Tag

zuerst (so ähnlich) erschienen in „Gedichtekarussell“, Heft 2, August 2008, Thema: Stadt. Redaktion: Monika Haake, Torsten Voßberg, David Damm.

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Ich wollte weiterhin Feierabendreporter, mißbrauchter Lehrling und gut bezahlter Vorarbeiter sein. Eines Tages würde ich genauer wissen, was ich zu tun hatte und was nicht. Bis dahin mußte ich die Kühnheit haben, meine Zeit zu vergeuden und mich selber in der vergehenden Zeit zu belauschen.

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. München: dtv, April 2005 (6. Aufl. Februar 2010). S. 147.

Fenster zum Hof

Er hat Bedenken, sie keine Lust. Keine Lust auf Verhandlungen. Auf seine gelebten Qualen, seine froschige Stimme, sein bewusst-unbewusstes Spiel mit dem Körper, abgefertigt zum quäkenden Sprachrohr, Medium des eigenen Leids. Die rechte Hand krallt sich haltsuchend in den linken Oberarm, die Haut schimmert eierschalenweiß und die Konsistenz seines Fleischs ist – auch aus der Entfernung – fühlbar. Wann war er zuletzt draußen? Wann je? Im Innenhof steht er ihr gegenüber. Das Kind läuft in Kreisen um einzeln abgeschlossene Fahrräder. Es muss die Einkaufsliste besprochen werden. Ob zuerst Oma oder der Hausarzt angerufen werden soll. Wieso der Biomüll noch oben steht. Warum du auch immer absichtlich die Post vergisst. Ist doch kein Akt. Eine Amsel hüpft im Zickzack die hellen Fassaden hoch, die Fenstersimse dienen ihr als Sprungbretter. Ich versteh dich nicht. Das Kind trägt den falschen Pulli. Du sollst es doch so nicht heben. Die Amsel landet auf dem Dach. Langsam tappst sie den Giebel entlang. Noch ein paar Meter, dann wird sie auf die Nebelkrähe treffen, die da jeden Morgen sitzt und ihre Route plant. Im zweiten Stock wird das Fenster geöffnet. Eine junge Katze beugt sich hinaus. Sie kam kurz bevor alles so wurde wie es nun ist. Mit jedem Tag wird ihr Verstehen sichtbarer, nun kauert sie schon in instinktiver Jagdhaltung auf dem Sims, ihr Sprung in die Freiheit nur noch eine Frage der Zeit. Was passiert, wenn sie’s tut? Der Hof verweigert die Spannung der Präsentation ihrer natürlichen Neugier. Sie wird ja auch nicht springen, der Sprung ist in ihrer Welt ein vorenthaltener Begriff. Ihre Neugier müsste das Feld des Nichtvorhandenseins überwinden, die brutale Leere zwischen dem zweiten Stock und dem gepflasterten Boden des Innenhofs. Die Amsel nickt, die Krähe fliegt. Beide haben sich geeinigt. Er bleibt zu Hause, ruft den Arzt an. Sie kauft ein und holt die Post. Das Kind wirft den Pulli auf den Boden. Komm Schatz, du kannst auf der Mauer laufen, sagt sie zum Kind. Willst du das? Das Kind sagt Nein, die Besitzerin der Katze schließt das Fenster. Für heute ist Regen vorhergesagt.

In den Furchen fehlender Berührungen

Die Welt ist fliederfarben träge, Explosionen in Slowmotion, sagt da eine am Bundesratufer. Gebeugt auf Stöcken, die Arme ineinander gehakt, riecht ein faltenknautschiges, rundliches Paar mit demonstrativ geschlossenen Augen – und fällt, und vergeht, im süßlichschweren Strauch. Kann keene Maske tragn, sagt einer am Handy. Krieg keene Luft, hab doch vielleicht Asthma. Wie jetzt? Na, ick halt die Luft an, bis die anderen vorbei sind. Einem Joggenden weicht er unbeholfen aus, der Blick voller Argwohn, es wäre nicht verwunderlich, wenn er plötzlich aufhörte, zu atmen, einfach, weil ihn die bloße Annahme über die Schlechtigkeit der anderen zur Einstellung der notwendigsten Lebensfunktion – und sei es eben seine eigene – zwingen würde. Man will sich nicht umarmen, man will sich doch umarmen. Man kaspert umeinander rum. Hattest du Kontakt zu irgendwem? Nee. Ich auch nicht. Ich mag dich küssen. Ja, bitte, ja! Edith Steins geteiltes Büsten-Gesicht sieht aus wie alles schon verloren. In den Windungen der Ufermeile suchen Isolierte nach Nähe. Unter der Lessingbrücke zeigen manche Unverständnis, andere den Finger. Der Weg ist nicht mal 1,5 breit, beschwert sich einer mit Frau, Bauch und Kind. Dann geh doch da nicht lang, ruft ein Isolierter, die Augen gebettet in Furchen fehlender Berührungen. Sie sagen, ich würd alles tun für ein Gefühl. Mich auf den sandig-dreckigen Boden werfen und auf die feucht-suchende Nase des nächsten Hundes warten. Ein Rotkehlchen, das auf meiner Stirn landet. Am Knöchel der aufgedunsene Schwanz einer toten Ratte, wie Sommer vergangenes Jahr, die Finger in die Erde gekrallt, weil der Boden unter der obersten Schicht weich ist und warm und all das ist, was ich nicht haben kann. Die Endlichkeit des Wartens ist eben an manchen Tagen nicht mehr als unendlich lang. Und wenn es vorbei ist, so der Isolierte, dann wird es für mich nicht anders sein. Dann wird der Flieder wieder blühen und ein anderes Paar darin verschwinden. Und ich seh zu und bleib alleine und bin, wie immer, eure Großstadt in Person.

Das Bundesratufer verläuft von der Levetzowstraße in Moabit bis zur Lessingbrücke und geht von da in den Spreebogen über. Der Spreebogen war einst Industrie- und Gewerbegebiet sowie Hauptsitz der Bolle-Meierei (Gründung 1879). Von 1999 bis 2015 befand sich das Bundesinnenministerium in dem gläsern glitzernden, hufeisenförmigen Gebäude. Es war das erste Bundesministerium, das Miete zahlte. Vor dem Gebäude existiert eine Büsten-Allee, die Straße der Erinnerung. Es schauen einen etwa an: Thomas Mann, Albert Einstein, Konrad Zuse, Käthe Kollwitz, Edith Stein. Und ein Stück Mauer gibt es auch.